Interview: Wie ist es eigentlich, eine bisexuelle Frau zu sein?

Coming Out
Rainbowfeelings, Lesben, Lesbenblog, lesbisch lieben, bisexuelle Frau
2 Comments
Für dich: Deine Rainbowfeelings Geschenke.
Für mehr Tipps und News werde Fan meiner Facebookseite und komm in unsere kostenlose Rainbowfeelings Community. Checke auch mein Label Rainbowfashion und die lesbische Bücher & DVD Seite Rainbowlife aus!

Pride Fashion, Rainbowfashion  

Wie ist es eigentlich eine bisexuelle Frau zu sein? Wie reagieren Freund*innen auf ein Outing als bisexuelle Frau? Wie sind die Reaktionen aus der lesbisch/queeren Szene? Was können lesbische und queere Frauen tun, um bisexuelle Frauen mehr einzuschließen?

Zu all diesen Fragen habe ich Lara, eine liebe Freundin von mir, interviewt. Wieso sie sich selbst als bisexuell identifiziert, welche Probleme aufkommen können und wie sie damit umgeht, erfährst du in diesem Artikel.

 

***

Wie war dein Coming Out als bisexuelle Frau?

Eigentlich hatte ich kein richtiges Coming Out, falls es ein ‚richtiges‘ überhaupt gibt. Wenn ich über Gefühle für eine bestimmte Frau reden wollte, habe ich mit Freundinnen darüber gesprochen. Meinen Eltern habe ich tatsächlich noch nicht erzählt, dass ich mich als bisexuell identifiziere, einfach, weil es noch keinen Anlass gab: keine langfristige Beziehung mit einer Frau, die ich ihnen hätte vorstellen wollen etwa.

Ich frage mich oft, ob ich meine sexuelle Orientierung deutlicher vertreten sollte, bezüglich der Schlagworte Bi-Invisibility* und Solidarität und Straight-Privilege*… aber gleichzeitig ärgert es mich, dass alle Menschen, die nicht heterosexuell sind, dies großartig verkünden sollen, statt einfach ihr Leben zu leben. Das ist so von Heteronormativität* geprägt.

Begriffe die am Wortende ein * haben, werden am Ende des Posts erklärt.

 

Wie haben deine Familie und Freund*innen darauf reagiert?

Manchmal bin ich nicht sicher, ob diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, mich wirklich verstanden haben. Meist habe ich von einzelnen Personen, zu denen ich mich hingezogen fühlte oder mit denen ich in einer wie auch immer gearteten Beziehung war, erzählt. Einer sehr engen Freundin habe ich kürzlich noch einmal sehr deutlich gesagt: „Ich identifiziere mich als bisexuell“, weil mir in dem Moment wichtig war, dass sie es wirklich wahr- bzw. aufnimmt.

Generell sind meine Freund*innen und Schwestern sehr offen und haben nicht mit Kritik oder anderweitig negativ reagiert. Mein Eindruck ist, dass es für sie gar keinen großen Unterschied macht, sie sich aber auch nicht trauen, spezifisch nachzufragen. Daher war es für mich eigentlich ganz schön, als eine andere sehr gute Freundin mich einfach ganz direkt direkt fragte, wie der Sex so sei. Das ist zwar sehr privat, aber wir reden oft über solche Dinge, daher fand ich es nur natürlich, dass sie fragte – letztlich zeigte sie mir damit mehr als mit allen anderen möglichen Reaktionen, dass sich zwischen uns nichts geändert hat.

Wenn jemand sich gar nicht zu fragen traut oder unsicher reagiert, wenn ich etwas aus meinem bisexuellen Leben erzähle, dann kann ich das zwar verstehen, fühle mich aber dennoch etwas zurückgestoßen, weil es ein wichtiger Teil meines Lebens ist, den ich eben auch mit Menschen teilen möchte, die mir etwas bedeuten.

 

Wieso identifizierst du dich als bisexuelle Frau? Was genau bedeutet das für dich?

Es bedeutet für mich, mich in Menschen verlieben zu können, die sich jeweils selbst als Mann oder als Frau identifizieren. Ich verstehe die Kritik am Begriff bisexuell, nach welcher dieser Geschlechterbinarität* rekonstruiert, habe aber beschlossen, ihn zu verwenden, weil er auf meine persönlichen Erfahrungen passt.

Pansexuell nenne ich mich aus dem Grund nicht, dass ich noch nie in eine Person verliebt war, die sich nicht als Mann oder Frau identifizierte und ich daher auch nicht mit Sicherheit weiß, ob ich einer solchen romantische oder sexuelle Gefühle entgegenbringen könnte (was nichts über die Wertigkeit von *Personen aussagen soll, nur über mein eigenes Gefühlsleben).

 

Wenn du neue Leute kennen lernst, outest du dich dann bei ihnen als bisexuell?

Ich oute mich als bisexuell, wenn es mir wichtig erscheint, wenn es etwa um queere Themen geht. Oder wenn mir eine Frau gefällt ;).

 

Wie sind die Reaktionen in der lesbisch/queeren Szene, wenn du dich dort als bisexuell outest?

Bisher bin ich mit keinen spezifischen Reaktionen konfrontiert worden, weder übermäßig positiv noch übermäßig negativ.

 

Wenn du einen Partner oder eine Partnerin hast, hast du manchmal das Gefühl, dass dir etwas fehlt oder du einen Teil von dir nicht ganz ausleben kannst?

Ehrlich gesagt war ich sehr lang in keiner Partnerschaft mehr. Eine wirklich abstruse Situation kam einmal auf, als ich meinen damaligen Freund einer heterosexuellen Freundin, in die ich selbst einmal verliebt gewesen war, vorstellte – ich wusste nicht genau, auf wen ich eigentlich eifersüchtig sein soll, denn ich hätte so gut verstehen können, wenn sie sich vom Fleck weg ineinander verknallt hätten. Ist zum Glück nicht passiert.

Ich nehme an, dass ich in einer Partnerschaft mit einem Mann mehr Wert darauf legen würde, nicht als heterosexuell gelesen zu werden, obwohl ich selbst nicht mit Sicherheit sagen kann, weshalb…

 

Wie gehst du damit um? Oder ist das nur ein Klischee?

Ein Klischee ist das nicht, im unten benannten BiNe-Forum finden sich dazu einige Einträge. Hier gibt’s ein paar Tipps (allerdings auf Englisch, dafür bei einer echt tollen Online-Plattform):

5 Ways to Maintain Your Queer Identity in a Relationship People Read as Straight

 

Inwiefern ist Bisexualität eine Minderheit in der Minderheit?

Das kommt auf die Definition von Minderheit an. Wenn wir Minderheiten als Personen betrachten, die bestimmte Privilegien nicht haben, bzw. spezifische Formen von Diskriminierung erleiden, würde ich sagen, dass es auch innerhalb der Bi-Community ganz unterschiedliche ‚Fälle‘ gibt.

Ich selbst habe etwa straight privilege*, ich werde oft oder meistens als heterosexuell wahrgenommen und bin damit homophoben Angriffen weniger ausgesetzt als andere bisexuelle Menschen. Gleichzeitig führt diese Wahrnehmung zur Unsichtbarkeit in der Queer-Community, sodass ich es schwer finde, auf andere queere Menschen zuzugehen und mich oft ausgeschlossen oder fehl am Platz fühle: Dieses typische ‚Nicht queer genug‘. Allerdings bin ich mir nicht sicher, inwiefern bei mir Bi-Invisibility und femme-Invisibility* verknüpft sind (obwohl ich m. E. nicht sehr ‚femme‘ aussehe, manchmal mehr, manchmal weniger).

Mehr zum Thema kannst du hier nachlesen „Out-siders“: Being Femme and Bi in Queer Spaces

 

Ist dir selbst eine Community mit anderen bisexuellen Personen wichtig?

Jein. Mir ist es wichtiger, Zugang zu queeren Frauen zu finden, als mich etwa mit bisexuellen Männern auszutauschen. Wobei das vermutlich auf einem Vorurteil meinerseits beruht, denn ich kenne gar keine bisexuellen Männer.

 

Wo kann man die Community finden?

Es gibt beispielsweise das BiNe-Forum des Bisexuellen Netzwerks.

 

Ist dir die Sichtbarkeit als bisexuelle Frau wichtig?

Mir ist wichtig, dass queere Frauen insgesamt sichtbarer werden und dass dazu auch bisexuelle gezählt werden, ja.

 

Fühlst du dich bei lesbisch/queeren Veranstaltungen miteinbezogen?

Ich traue mich oft gar nicht, hinzugehen. Es ist etwas anderes, wenn ich mit einer Frau zusammen bin/date, dann fühle ich mich zugehörig, weil alle sehen können, dass ich dazugehöre.

 

Was sollte geändert werden, damit du dich miteinbezogen fühlst? Wie können Veranstaltungen, Webseiten, Gruppen etc. besser gestaltet werden?

Bisexuelle Frauen sollten konkret mit einbezogen und benannt werden. Ich verstehe, warum manche Menschen den Buchstabensalat aus LGTBQI+ kritisieren, aber ich fühle mich als das B ganz wohl darin. Deshalb lese ich auch gern Einladungen/Webseiten etc., die sich an queere Frauen oder lesbische UND bisexuelle Frauen richten. Allerdings konsumiere ich gerade online auch Medien/Websites, die sich spezifisch an ein lesbisches Publikum wenden.

 

Welche Fragen sollte man einer bisexuellen Frau nicht stellen?

Der ‚Klassiker‘: die (auslöserlose) Frage, ob sie Lust auf einen Dreier hat. Ist mir aber selbst noch nicht passiert, zum Glück.

 

Was würdest du anderen bisexuellen Mädchen/Frauen gerne mit auf ihren Weg geben?

Was ich mir selbst auch vornehme: Traut Euch mehr! Dazu am Besten das hier hören:

 

***

 

Was sagst du zu dem Thema? Identifizierst du dich auch als bisexuelle Frau? Wenn ja, welchen Rat würdest du gerne anderen bisexuellen Frauen/Mädchen mitgeben?

Schreibs in die Kommentare!

 

Alles Liebe,

bisexuelle Frau, Rainbowfeelings, Lesben, Lesbenblog, lesbisch lieben

 

Erklärungen zu den Begriffen

 

Bi-Invisibility

Bi-Unsichtbarkeit meint, dass Bisexualität nicht gesehen wird, sondern eine Person als lesbisch oder heterosexuell, je nach Partner*in, eingeordnet wird. Dazu kommt, dass unter heterosexuellen Personen und in der queeren Szene Biphobie (s. u.) herrscht. Dadurch gehen bisexuelle Menschen oder Frauen in der queeren Szene etwas unter. Sie werden einfach nicht so stark wahrgenommen und können sich deshalb auch gegenseitig nicht so sehr als eine Gruppe identifizieren (lernen).

 

Biphobie

Biophobie bezeichnet die Ablehnung bisexueller Personen durch heterosexuelle Personen oder die queere Szene. Dies wird zum Beispiel durch spezifische Vorurteile gegenüber bisexuellen Menschen ausgedrückt (sind sexuell gierig oder wahllos, man könne ihnen nicht vertrauen, sie können sich nicht entscheiden, sie sind verkappte Lesben, die das nicht zugeben wollen, sie können nicht treu sein etc.).

Wenn du noch mehr zum Thema Bi-Invisibility und Biphobie lesen möchtest, kann ich dir diesen Artikel empfehlen.

 

Heteronormativität

Heteronormativität beschreibt, dass Heterosexualität in unserer Gesellschaft als „der Norm entsprechend“ wahrgenommen wird, während LGBTIQ Lebensweisen von der Mehrheit oft als „das Andere“ wahrgenommen wird. Daraus entsteht dann zum Beispiel „Straight-Privilege“.

 

Straight-Privilege

Straight ist das englische Wort für Heterosexuell. Heterosexuelle Personen haben in unserer Gesellschaft viele Privilegien, die LGBTIQ Personen nicht haben. Straight-Privilege kann zum Beispiel bedeuten, dass Personen, die von anderen auf der Straße als „heterosexuell“ wahrgenommen werden, nicht so oft mit Gewalt zu kämpfen haben wie Personen, die z.B. von anderen als „offen schwul/bisexuell/lesbisch“ gesehen werden.

 

Geschlechterbinarität

Wie ich in meinem Artikel zu Geschlechtsidentität erklärt habe, gibt es mehr als zwei Geschlechter. Der Begriff Geschlechterbinarität zeigt allerdings auf, dass unsere Gesellschaft immer noch auf der Vorstellung aufgebaut ist, es gäbe nur 2 Geschlechter: Frauen und Männer.

 

Femme-Invisibility

Da Femmes queere Frauen sind, die nach Außen oftmals sehr weiblich wirken, haben diese mit Sichtbarkeit innerhalb der queeren Community zu kämpfen, da sie nach Außen nicht wie die „typischen“ lesbisch/queeren Frauen wirken.


Rainbowfeelings, lesbisch lieben, Lesbenblog  
Für mehr Infos aus der lesbischen Welt werde auch Fan der Rainbowfeelings Facebook Seite!

Vielleicht interessiert dich auch:

Rainbowfeelings Coming Out Umfrage
Rainbowfeelings Coming Out Umfrage
8. August 2017
Coming Out Support, Rainbowfeelings
Coming Out Support – Was mir bei meinem Coming Out geholfen hat
21. Mai 2017
ich bin lesbisch, coming out,, Rainbowfeelings, Lesben, Lesbenblog, lesbisch lieben
Mein Outing am Arbeitsplatz
8. Januar 2017

2 Comments

  1. Lotta sagt:

    Super Interview! 😀
    Ergänzen möchte ich nur noch eine Sache: Es gibt eine zweite Definition des Begriffs, die auch einige Bisexuelle verwenden: Die Vorsilbe ‚bi’ muss sich nicht auf ‚zwei’ im Sinne von zwei Geschlechtern beziehen, sondern kann auch ‚zwei’ im Sinne von 1. ‚das eigene Geschlecht‘ und 2. ‚andere Geschlechter‘ bedeuten. Bei dieser Definition fällt dann auch die Kritik mit der Geschlechterbinarität weg 😉
    Das verdeutlicht auch die Auslegung der amerikanischen Aktivistin Robyn Ochs, die mir selbst sehr geholfen hat: “I call myself bisexual because I acknowledge that I have in myself the potential to be attracted – romantically and/or sexually – to people of more than one sex and/or gender, not necessarily at the same time, not necessarily in the same way, and not necessarily to the same degree.”
    Sonst fand ich den Artikel echt gut.

    Liebe Grüße,
    Lotta

    • Annie sagt:

      Vielen Dank für die Ergänzung! Das ist echt eine total interessante Definition, hab ich so noch nie gehört. Vielen Dank, dass du sie mit uns geteilt hast 🙂

Leave a Reply

CSD Kollektion 2017
Dein Rainbowfeelings Ebook

Hol dir dein Gratis Ebook

Dating mal anders: Kreative und verrückte Date-Ideen für Lesben

Rainbowfeelings Ebook















+ den Rainbowfeelings Newsletter

Kein Spam, versprochen!

Folg Rainbowfeelings
Wer schreibt hier eigentlich?
Rainbowfeelings, lesbisch lieben, Lesbe, Lesbenblog

Hey, ich bin Annie. Auf meinem Blog findest du Tipps und Infos von einer Lesbe für Lesben, vor allem zu den Themen Coming Out, Liebe und lesbisches Leben. Viel Spaß auf Rainbowfeelings!

Diese Webseite benutzt Cookies. Mehr Erfahren.

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen